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Ein Abend für Väter von Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter. Vater sein - und Sohn 1. Zielgruppe: Väter von Kindern in dieser Altersgruppe sind in der Regel zwischen 25 und 45 Jahre alt. Sie sind also oft in einer Aufbauphase im Beruf, haben vielleicht ein Haus gebaut oder gekauft (je nach Milieu der Gemeinde). Es ist schon beachtlich, dass sie zu einer Vater-Kind-Veranstaltung erscheinen. Nicht zuletzt, weil es in der Regel für sie unüblich ist, mit anderen Männern zusammen über ihr Vatersein zu reden. 2. Rahmenbedingungen: a) Es könnte lohnenswert sein über eine "Vaterwoche" im Kindergarten nachzudenken, in der Väter die Möglichkeit haben, Einblick in den Kindergartentag zu nehmen und sich mit den Kindern in verschiedenen Projekten zu beschäftigen. (Für viele Einrichtungen ist eine solche Idee noch schwer denkbar, doch es gibt immer mehr Beispiele. Und wo es begonnen wird, stellen sich positive Erfahrungen und Erfolge ein.) b) Es wird empfohlen, dass Väter-Abende von einem Mann (oder mehreren Männern) für Männer gestaltet wird. Wenn Frauen (Erzieherinnen oder Leiterin des Kindergartens) anwesend sind, kann es sein, dass die Männer nicht mehr ganz so frei sprechen. Die Frauen haben, wenn sie nicht den Status einer Referentin einnehmen, eine Beobachtungsrolle. c) Die Männer sollten im Kreis sitzen, damit sie einander sehen und auch ansprechen können, eine "gestaltete Mitte" könnte aus Bildern von Vätern und Kindern bestehen, sollte jedoch schlicht gestaltet sein. d) Sind mehrere Gesprächs- und Begegnungsabende geplant, ist es sinnvoll, dass sich die Männer für beide Abende anmelden und für diese Zeit eine geschlossene Gruppe bleiben. 3. Der Abend: "Mein Vater und ich - eine Begegnung mit dem eigenen Vater" Ein möglicher Aufbau wäre: 1. Vorstellungsrunde: Wer bin ich, wie alt ist (sind) mein(e) Kind(er), was erwarte ich von diesem Abend? 2. Mein Vater und ich - eine Verhältnisbestimmung: a) Fantasiereise: "Wir beginnen mit einer kleinen Zeitreise zurück in die Kindheit. Wir gehen zurück und werden wieder jünger. Zurück durch Ausbildung oder Studium, hin in unsere Kindheit, Kindergarten oder Grundschule. Wie sah mein Klassensaal aus? Die Schule oder der Kindergarten ist zu ende. Ich gehe nach Hause. Es ist ein sonniger Tag. Ich gehe den mir schon vertrauten Weg und komme nach Hause. Ausnahmsweise sind alle zu Hause, meine Mutter, Geschwister und mein Vater. Wir setzen uns zum Essen und ich betrachte meinen Vater. Wie erlebe ich ihn? Wie sieht er aus? Wie bewegt er sich? Spricht er mit mir? Was fühle ich? Das Mittagessen ist vorbei. Ich stehe auf und gehe wieder aus dem Haus, kehre zurück durch die Schule, Studium oder Ausbildung hierher in diesen Raum und ich bringe die Erinnerungen an Gefühle, Gesten, Gedanken mit. b) Folie mit Bitte austeilen: “Schreiben Sie für sich die Sätze fertig. Sätze, die Ihnen nichts sagen, oder die Sie nicht betreffen lassen Sie einfach weg.” Mein Vater... Mein Vater war... Meine früheste Erinnerung an ihn... Ich war am wütendsten auf ihn, als... Als ich ihn am meisten brauchte,... Am meisten bedauere ich an unserer Beziehung... Ich habe mich am meisten gefürchtet, als... Mit meiner Mutter war mein Vater... Als ich ein kleiner Junge war,... Ich bin meinem Vater ähnlich in... Was ich am meisten an ihm bewundert habe... Das Eindrücklichste, das ich von ihm gelernt habe... Wenn ich ihn hätte ändern können, wäre er... Die größte Enttäuschung für meinen Vater war... Die Erfahrung, die ich gerne mit ihm gemacht hätte... (Hinweis: Nicht selten verbinden sich für Männer sehr bewegende Emotionen mit solchen Erinnerungen an den eigenen Vater. Je nachdem in welcher Situation die Folie eingesetzt wird, können die Satzanfänge so wirken, als erwarte man eine ideal-eingefärbte oder auch richtende Antwort. Das gilt es möglichst zu vermeiden. Ziel ist vielmehr, einen Raum für die eigene vorurteilsfreie Rückschau zu halten. Vielleicht kommt man so zu einem Verstehen der Positionen und Verhaltensweisen des eigenen Vaters, aber auch der eigenen Geschichte und Persönlichkeit. Die Sätze können selbstverständlich auch verändert werden.)   Die Männer können diese Fragen für sich beantworten, indem sie ein Blatt bekommen, auf dem sie die Sätze fertig schreiben. Evtl. ein kleiner Austausch: Was fällt mir auf? Wie habe ich als Kind meinen Vater erlebt? Zur Weiterarbeit: Thesen von Steve Biddulph ("Männer auf der Suche"): 1. "Ihr Vater ist der Mensch, der Ihnen zuerst und am nachdrücklichsten "beigebracht" hat, was es heißt, ein Mann zu sein. Er hat dies getan, indem er schlicht Ihr Vater gewesen ist. Ob es Ihn nun gefällt oder nicht, er ist auf ewig in Ihrem Kopf, Ihren Gliedern und Ihren Nerven." 2. Dieses väterliche "Erbe" ist ein Mischung aus reinem Müll und kostbaren Schätzen. Manchmal verbannen Männer diesen Gedanken, verdrängen den Vater, vielleicht weil er unangenehm war oder schwierig, streng oder unnahbar. Nicht um über den Vater zu Gericht zu sitzen, sondern um zu verstehen, was warum geschehen ist. Was sich durch das eigene Erwachsensein an Perspektive auf ihn geändert hat. Vieles, was Männer (und wohl auch Frauen) in Bezug auf ihren Vater (auch in Bezug auf ihre Mutter) denken hat mit kindlichen Emotionen zu tun, von denen es gut sein kann, sich zu trennen, um ein objektiveres Bild zu bekommen. 3. Ich halte es für entscheidend wichtig, dass wir Männer uns das Verhältnis zu unserem Vater genau anschauen und auf keinen Fall verdrängen. Darüber lernen wir, wo Fallen sind und wobei wir uns wohl fühlen. Ein Beispiel: Wenn ein Vater sein Kind nicht oder nur selten mit seinen Anliegen oder Problemen ernst genommen hat, dann kann es später passieren, dass das ein ewiges Problem bleibt, das in diesem Menschen massive Aggressionen hervorruft. 4. Männer können sich mit ihrem Vater versöhnen (auch für sich selbst, wenn der Vater das nicht zulässt)! Dabei sollten sie nicht nur die eigene Kindheit betrachten, sondern auch nach der seinigen fragen. Viele Aggressionen, die Männer vom Vater erfahren haben, hat er wahrscheinlich auch schon erfahren. Manches versteht man erst dann und kann es einordnen. Eine kleine Geschichte, die Vielen etwas sagt (aus Steve Biddulph: "Männer auf der Suche"): "Da gibt es die Geschichte eines Sohnes, der nach langer Zeit der Abwesenheit von zu Hause und nach langem Nachdenken über sein Verhältnis zu seinem Vater den Entschluss fasst, seinen Vater anzurufen. Als der Vater den Telefonhörer abnimmt, versucht der Sohn mit ihm ins Gespräch zu kommen ... ‚Hallo, Papa, ich bin 's.' ‚Ach, hallo Sohnemann. Ich hole gleich mal deine Mutter...' ‚Nein, du brauchst Mama nicht zu holen. Ich will mit dir sprechen...' Es entsteht eine Pause - und dann... ‚Wieso? Brauchst du Gel?'' ‚Nein, ich brauche kein Geld.' Der jüngere Mann beginnt dann, seinen (ein wenig einstudierten, gleichwohl höchst störanfälligen) Text zu sprechen: ‚ich habe in letzter Zeit oft an dich gedacht, Papa, und an alles, was du für mich getan hast. All die langen Jahre, die du gearbeitet hast, damit ich studieren konnte und damit wir was zum Leben hatten. Ich führe jetzt ein ganz angenehmes Leben und das verdanke ich deiner Starthilfe. Das ist mir gerade so eingefallen, und dabei ist mir klar geworden, dass ich eigentlich nie wirklich ‚Danke' zu dir gesagt habe ...' Schweigen am andere Ende der Leitung. Der Sohn fährt fort: ‚Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich dir danke ... und dass ich dich liebe.' ‚Hast du getrunken?'" Wie könnte eine Versöhnung (wenn sie nötig ist) zwischen den anwesenden Männern und ihren Vätern aussehen? Was möchten die Männer im Raum ihren Vätern vielleicht noch sagen? Austausch und gemütlicher ruhiger Ausklang.